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Führung · Psyche · Coaching

Das Hochstapler-Syndrom.
Warum gerade die Fähigsten sich als Betrüger fühlen.

Es trifft selten die Lauten und Mittelmäßigen. Es trifft die, die liefern. Je größer die Verantwortung, desto leiser die Frage im Hintergrund: Was, wenn sie merken, dass ich es gar nicht kann?

Von Sophie Waldmann · 5. Juni 2026 · ca. 12 Min.

Ein Gefühl, das die Spitze teilt

Es gibt einen Gedanken, den fast niemand an der Spitze ausspricht und den fast jeder kennt: dass der eigene Erfolg ein Missverständnis ist. Dass man Glück hatte, gut getimt war, die richtigen Leute kannte — aber im Kern nicht das Format hat, das alle vermuten. Und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es jemand merkt.

Dieses Muster trägt seit 1978 einen Namen. Die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben es als „impostor phenomenon" — das Hochstapler-Phänomen. Ihre Beobachtung: Es trifft besonders erfolgreiche Menschen, die ihre Leistung verinnerlicht nicht als eigene anerkennen können. Es ist keine Diagnose und keine Krankheit. Es ist ein Erlebensmuster. Und an der Unternehmensspitze ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Wie verbreitet es wirklich ist

Die Zahlen widersprechen dem Gefühl, allein zu sein. Sie sagen das Gegenteil: Wer das kennt, ist in der Mehrheit.

75 %

der weiblichen Führungskräfte kennen das Gefühl

KPMG Women’s Leadership Study, 2020

71 %

der CEOs haben Impostor-Gefühle erlebt

Korn Ferry, Befragung von Top-Führungskräften, 2024

78 %

der Wirtschaftsführer in UK fühlten sich schon als Hochstapler

UK Business-Leader-Umfrage, 2023

Eine in der Forschung breit zitierte Schätzung geht davon aus, dass rund 70 % aller Menschen die Impostor-Erfahrung mindestens einmal im Leben machen (Sakulku & Alexander, 2011). Was an der Spitze hinzukommt: weniger Menschen, mit denen man ehrlich darüber reden kann. Die Last bleibt dieselbe — die Einsamkeit wächst.

Woran Sie es bei sich erkennen

Erfolg wird wegerklärt

Jeder Gewinn wird Glück, Timing oder dem Team zugeschrieben — nie der eigenen Kompetenz. Jeder Fehler dagegen ist persönliches Versagen.

Überarbeitung als Versicherung

Mehr Stunden, mehr Vorbereitung, mehr Kontrolle — nicht weil es nötig ist, sondern um die befürchtete Entlarvung aufzuschieben.

Angst vor der Maske

Das Gefühl, eine Rolle zu spielen, die jederzeit auffliegen kann. Lob fühlt sich nicht wie Bestätigung an, sondern wie ein höher gelegter Einsatz.

Vermeidung sichtbarer Risiken

Beförderungen, Bühnen, Entscheidungen unter Beobachtung werden gemieden — aus Furcht, dort als unzureichend erkannt zu werden.

Der Denkfehler: Mehr Leistung heilt es nicht

Die naheliegende Lösung wäre, sich den Zweifel abzuverdienen — noch besser zu werden, bis das Gefühl verschwindet. Genau das ist die Falle. Jeder neue Erfolg wird sofort wegerklärt und liefert deshalb keinen Beleg, der bleibt. Was bleibt, ist der höhere Einsatz beim nächsten Mal.

So entsteht ein Kreislauf, der von außen wie Disziplin aussieht und von innen wie Angst funktioniert. Überarbeitung, Perfektionismus und das Vermeiden sichtbarer Risiken sind keine Lösungen — sie sind Symptome. Und sie haben einen Preis: Sie sind eine der stillen Vorstufen dessen, was später zum Scheitern von Führungskräften führt, lange bevor es nach außen sichtbar wird.

Was tatsächlich verändert

Das Muster verschwindet nicht durch Selbstbeschwichtigung („Du bist gut genug"). Es verändert sich durch andere Mechanik:

Belege dokumentieren statt wegerklären. Wer Erfolge schriftlich festhält — was war die Entscheidung, was das Ergebnis — baut ein Gegenarchiv zur inneren Stimme auf. Fakten lassen sich schwerer wegreden als Gefühle.

Selbstzweifel von Selbstwert trennen. Zweifel ist ein Gedanke, kein Urteil über den eigenen Wert. Die Fähigsten zweifeln oft am meisten — nicht trotz, sondern wegen ihres Anspruchs. Sich selbst den Maßstab zu vergeben, ist hier kein weicher Trost, sondern Voraussetzung für klare Entscheidungen.

Verantwortung neu definieren. Nicht: „Ich muss beweisen, dass ich es kann." Sondern: „Ich stehe für das Ergebnis ein." Das ist die Haltung des Patrons — Verantwortung fürs Ergebnis, nicht fürs perfekte Selbstbild. Sie entkoppelt Handeln vom Beweisdruck.

Einen ehrlichen Sparringspartner haben. Das Muster lebt von Isolation. Es zerfällt, sobald jemand mit Außensicht es benennt. Genau das ist die Funktion von Coaching — kein Trostspender, sondern ein Korrektiv, das zwischen Realität und Selbstbild vermittelt. Es ist auch die Grundlage echter unternehmerischer Resilienz.

Fazit

Das Hochstapler-Syndrom ist kein Zeichen, dass Sie nicht genügen. Es ist meist ein Zeichen, dass Ihr Anspruch größer ist als Ihre Bereitschaft, sich den eigenen Erfolg zuzugestehen.

75 % der Führungsfrauen, 71 % der CEOs: Sie sind nicht der Sonderfall. Die Frage ist nicht, ob der Zweifel verschwindet. Die Frage ist, ob er Sie führt — oder Sie ihn.

Häufige Fragen

Was ist das Hochstapler-Syndrom?

Das Hochstapler-Syndrom (Impostor-Syndrom) beschreibt das hartnäckige Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und jederzeit als Betrüger entlarvt zu werden — trotz objektiver Belege für die eigene Kompetenz. Es ist keine Diagnose, sondern ein verbreitetes Erlebensmuster, besonders bei hochleistenden Menschen.

Wie verbreitet ist das Hochstapler-Syndrom bei Führungskräften?

Laut einer KPMG-Studie kennen 75 % der weiblichen Führungskräfte das Gefühl aus ihrer Laufbahn. Eine Korn-Ferry-Befragung von Top-Führungskräften fand, dass 71 % der CEOs es erlebt haben. Es betrifft also die Mehrheit an der Spitze.

Was hilft gegen das Hochstapler-Syndrom?

Erfolge faktisch dokumentieren statt sie wegzuerklären, Selbstzweifel von Selbstwert trennen, einen ehrlichen Sparringspartner suchen und Verantwortung neu definieren — nicht als Beweis, perfekt zu sein, sondern als Bereitschaft, für Ergebnisse einzustehen. Coaching setzt genau an diesem Muster an.

Den Zweifel nicht länger allein tragen?

Vertrauliches Erstgespräch. Keine Verpflichtung. Kein Verkaufsgespräch.

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